Anekdoten aus der Zeit der Reformation

Die Zuhörer standen Schlange, um das Buch von Dr. Dorothea Greiner signieren zu lassen.
Die Zuhörer standen Schlange, um das Buch von Dr. Dorothea Greiner signieren zu lassen.

Nahezu 300 Jahre lang widersetzte sich ein kleines rebellisches Dorf am Obermain der Gegenreformation und der Aufforderung des Hochstifts Bamberg, der lutherischen Lehre abzuschwören. Doch die Bewohner von Michelau waren nicht länger gewillt, die Kirche in Marktgraitz zu besuchen. Sie forderten immer wieder eine eigene Kirche und einen Pfarrer, den sie selbst erwählen durften. Der sollte ihnen das Evangelium frei von menschlichen Zusätzen predigen, so wie es die Wittenberger Reformatoren gefordert hatten. Erst die Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts ermöglichte es den Michelauern, ihren langgehegten Wunsch zu verwirklichen.

Spannend verlief die Geschichte der Reformation am Obermain. Selbst der Einfall von Musketieren konnte den Willen der Michelauer Bevölkerung nicht brechen. Unbeirrt hielten sie in bewegten Zeiten an ihrer protestantischen Überzeugung fest. Diese und 32 weitere Begebenheiten aus dem Kirchenkreis Bayreuth enthält das Buch „Kleine Reformationsgeschichten“, das Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner und Prof. Dr. Günter Dippold herausgegeben haben. Beide stellten das Werk nun bei einer Autorenlesung im Lichtenfelser Myconiushaus vor.

Musikalisch eingerahmt durch das Flötenensemble des Evangelischen Bildungswerks (EBW) berichtete die Regionalbischöfin, wie sich die Lehre Martin Luthers bis in fränkische Städte und Dörfer verbreitete und zu welchen teils kuriosen Konfrontationen es dabei kam. Der breiten Bewegung von Bürgern, Bauern und Rittern habe sich hierzulande, im Gegensatz zu Schweden, kein Bischof angeschlossen. Deshalb sei es, nachdem der letzte Einigungsversuch auf dem Reichstag in Augsburg im Jahr 1530 gescheitert sei, immer wieder zu Auseinandersetzungen gekommen.

Nerv der Zeit getroffen

Bei seinem Blick auf die Welt im 16. Jahrhundert machte Prof. Dippold deutlich, dass Religion das beherrschende Thema jener Zeit gewesen sei. Die Angst vor dem Fegefeuer und vor dem Teufel habe das Glaubensleben bestimmt. Mit dem Verkauf von Ablassbriefen habe die katholische Kirche den Menschen eine Verkürzung ihrer Sündenstrafe im Fegefeuer garantiert. Bis Martin Luther gekommen sei und mit seiner neuen Lehre eine überzeugende Antwort auf die Geschäftemacherei gegeben habe. Mit neuen deutschen Kirchenliedern und der Ablehnung der verfälschenden Tradition habe die neue Bewegung den Nerv der Zeit getroffen. Günter Dippold: „Kritik wurde zur Waffe der Reformation!“ Und diese Kritik habe sich durch die aufkommenden Flugschriften rasend schnell verbreitet.

Die Kernbotschaft der Reformatoren fasste die Regionalbischöfin in vier Punkten zusammen: Allein Christus schenkt den Menschen das Heil, und zwar ohne die Hilfe der Heiligen. Das Ganze geschieht allein aus Gnade, nichts kann sich der Mensch selbst erarbeiten oder erkaufen. Allein der Glaube rettet die Menschen und nicht gute Werke. Und schließlich ist es allein die Heilige Schrift, die den Menschen den Weg zum Heil weist, und nicht die damals üblichen Heiligenlegenden.

Konsens im Glauben

Heute, so Dorothea Greiner, gebe es keine fundamentalen Unterschiede mehr zwischen dem evangelischen und dem katholischen Glauben. Die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 sei ein zentrales Dokument der Ökumenischen Bewegung, das einen Konsens über Grundwahrheiten zwischen den Konfessionen festhält. Unterschiede gebe es allenfalls noch in der Frage des Amtsverständnisses der Geistlichen und bei der Stellung des Papstes. Erfreut erinnerte die Regionalbischöfin an Papst Franziskus, der aus Anlass des großen Reformationsjubiläums in Lund/Schweden gebetet habe: „O Heiliger Geist, hilf, dass sich die Kirchen an den Gaben der Reformation erfreuen.“

Eine weitere kleine Reformationsgeschichte beleuchtet die Auseinandersetzung um die neue Lehre in Obristfeld. Prof. Dippold verlas den von Thilo Hanft verfassten Beitrag, bereicherte die Reformationsgeschichte am Obermain ein weiteres Mal mit allzu Menschlichem, tiefer Glaubensüberzeugung, politischem Kalkül, von Skurrilem und Bewegendem.

Das Flötenensemble des EBW.

Text und Fotos: Joachim Wegner

© Evangelisch-Lutherisches Dekanat Michelau 2013-2019

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