Die Kronacher Bamberger-Familie

Zwei berührende Schicksale aus dem Kronacher Zweig der jüdischen Familie Bamberger stellte Historiker Christian Porzelt in den Mittelpunkt seiner Ausführungen, als er auf Einladung der Stadt Lichtenfels und des Evangelischen Bildungswerks über die Hintergründe der Sonderausstellung in der Villa Kronacher Straße 21 informierte. Ebenso wie die Eröffnungsveranstaltung fand auch der Vortrag des jungen Geschichts­wissenschaftlers aus Kronach großes Interesse. Das mag sicherlich daran liegen, dass das dunkle Kapitel der Gewaltherrschaft im Dritten Reich noch lange nicht aufgearbeitet ist. Opfer, die nicht selten aus Scham geschwiegen haben, und Täter, die nach dem Krieg durch eine Mauer des Schweigens geschützt wurden, sind meist hinlänglich bekannt, doch es gab auch viele Nutznießer, die eher im Hintergrund geblieben sind.

Als Kurator der Ausstellung über den Kronacher Zweig der jüdischen Familie Bamberger hat Historiker Christian Porzelt über 300 Fotos, Briefe und weitere Dokumente anschaulich aufbereitet. Foto: Joachim Wegner

Eindrücklich schilderte Christian Porzelt als Kurator des Kronacher Teils der Ausstellung, wie er an 300 Fotos, Briefe und andere Dokumente gekommen ist. Zu verdanken war dies Dr. George Ségal, einem in Basel lebenden Kunsthändler. Dieser in der Schweiz lebende Nachkomme von Heinrich Bamberger fand die Dokumente in der wohl gehüteten Spätbiedermeierkommode, die lange Zeit unberührt auf dem Dachboden bei seiner Großmutter stand. In einem Tondokument ließ Christian Porzelt den Nachfahren selbst zu Wort kommen.

Die Ursprünge des Kronacher Zweigs der Familien Bamberger liegen in Burgkunstadt, hat der Historiker festgestellt. Auch die in Mitwitz ansässigen Bambergers, die später nach Lichtenfels gezogen sind, stammten ursprünglich von dort. Eine direkte Verbindung beider Linie dürfte allerdinge in der Zeit vor 1800 zu suchen sein, betonte Porzelt. Als Stammvater des späteren Kronacher Zweigs zog David Bamberger nach Friesen, wo er die älteste Tochter eines Haussiers heiratete. Später traten die beiden Söhne Max und Sigmund in das elterliche Geschäft ein und betrieben einen Textilhandel, den sie im Jahr 1870 nach Kronach verlegten. Während Sigmund Lina Offenbacher aus Mühlhausen ehelichte, heirateten sein jüngerer Bruder Marie Iglauer aus Burgkunstadt. Beide Ehen erlebten reichen Kindersegen. Lina Bamberger schenkte nicht weniger als zehn Kindern das Leben, bei Max und Marie war es nur ein Kind weniger. Max und Marie Bamberger legten offenbar hohen Wert auf eine gute Schulbildung, denn sie schickten ihre sechs Söhne auf die neu eröffnete königliche Realschule. Während vier Söhne später kaufmännische Berufe ergriffen, nahmen zwei dagegen ein Studium auf und erlangten somit den Eintritt in das Bildungsbürgertum. Simon entschied sich für ein Medizinstudium in München und legte seine Prüfungen im Jahr 1896 mit Bestnote ab. Nach Tätigkeiten als Mediziner an der Universitätspoliklinik und der Frauenklinik in München kehrt er in seine Vaterstadt Kronach zurück, wo er sich als praktizierender Arzt niederließ. Seit 1907 war er dann auch in der Chirurgie des neu errichteten örtlichen Bezirkskrankenhauses tätig. Christian Porzelt zitierte aus seiner Personalakte: “Dr. Bamberger ist ein sehr gewissenhafter, strebsamer, nicht von Eigennutz beherrschter, ideal gerichteter Arzt.“ Ärmere Bürger, insbesondere Kinder, behandelte er unentgeltlich und geriet so in den Ruf eines besonderen Wohltäters.

Auditorium Foto: Joachim Wegner
Simon Bamberger war deshalb noch Jahrzehnte nach seinem Tod in den Erinnerungen vieler Kronacher ein hoch geschätzter Mediziner. Der Historiker konnte dies auch durch die Erzählungen seiner eigenen Urgroßmutter bestätigen. Deren Mutter war nach einer Fehlgeburt zur Untersuchung bei Dr. Bamberger. Auf die Frage, ob sie keine weiteren Kinder mehr bekommen könne, entgegnete dieser kurz und bündig, und zwar so, dass man sich noch Jahrzehnte später an seine Worte erinnerte: „Ka Angst, die Maschin´ funktioniert ja noch!“ Dr. Bamberger war nicht nur ein geachteter Arzt, sondern auch ein geselliger Mensch, der sich im Vereinsleben der Stadt engagierte. Wie die meisten Mitglieder der Familie war Simon Bamberger ein Vertreter des liberalen Judentums. Während des Ersten Weltkriegs war er als Stabsarzt im Kriegseinsatz an der Westfront und wurde mit dem Verdienstkreuz für freiwillige Krankenpflege und dem Eisernen Kreis II. Klasse ausgezeichnet. Nach dem Krieg setzte er sich dann für ein demokratisches Deutschland ein und sympathisierte mit dem Kommunismus.

Dies führte dann bereits im Jahr 1923 zu Ausschreitungen durch SA-Männer gegen ihn und seine Schwester Ida. Dies veranlasste Simon Bamberger dazu, Kronach zu verlassen, wo er 1927 starb. Zur Beisetzung erschienen war auch Heinrich Bamberger, das zweite promovierte Mitglied der Familie. Er hatte in München Chemie studiert und schließlich in Basel in der Schweiz eine Anstellung gefunden. Bis zum Ersten Weltkrieg lebte er mit seiner kleinen Familie in Basel in guten Verhältnissen. Doch der Ausbruch des Krieges brachte den im Ausland lebenden Heinrich Bamberger in eine Gewissenskrise, berichtete Christian Porzelt. Einige Jahre zuvor hatte er sich in seinem Arbeitszimmer noch stolz vor dem Portrait Otto von Bismarcks und Martin Luthers ablichten lassen. Der Historiker wertete dies als Indiz, dass Heinrich sich zwar als Jude, aber in erster Linie als Deutscher sah. Seine nationale Gesinnung und die anhaltende Verbundenheit zu Deutschland hätten es ihm aber unmöglich gemacht, den Kriegsverlauf nur abwartend zu verfolgen.

oßes Interesse stieß das berührende Schicksal der Großfamilie Bamberger, die sowohl in Lichtenfels als auch in Kronach bleibende Spuren hinterlassen hat. Foto: Joachim Wegner
oßes Interesse stieß das berührende Schicksal der Großfamilie Bamberger, die sowohl in Lichtenfels als auch in Kronach bleibende Spuren hinterlassen hat. Foto: Joachim Wegner

So kehrte der 42-jährige Anfang des Jahres 1917 nach Deutschland zurück, um als freiwillig als Soldat des königlich-bayerischen Landwehr-Regiments in den Krieg zu ziehen, während seine schwangere Frau bei den Eltern in Nürnberg lebte. Nach dem Krieg ging er wieder in die Schweiz und beantragte schließlich die Schweizer Staatsbürgerschaft. Als einziges Mitglied der Familie, das im Ausland lebte, erlebte er zehn Jahre später die Machtergreifung der Nazis. Machtlos musste er die zunehmende Entrechtung, Demütigung und Verfolgung seiner Verwandten in Deutschland erleben. Während sein Bruder Werner nach New York emigrieren konnte, verschärfte sich die Situation der Verwandten in Deutschland von Woche zu Woche und bereits die Ereignisse der Reichspogromnacht forderten die ersten Todesopfer innerhalb der Familie. Bruder Karl, der in Nürnberg ein Café betrieb, wurde mit unvorstellbarer Grausamkeit geschlagen und vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes zu Tode getrampelt. „Nur wenigen Familienmitgliedern gelang die Flucht ins Ausland.

Die Spur der meisten Bambergers verliert sich in Vernichtungslagern.“ musste der Historiker feststellen. So endete die Geschichte der Familie Bamberger in Deutschland, die vor mehr als zweihundert Jahren in Burgkunstadt begonnen hatte, auf diese Weise. „Eine Familie, die beraubt, entrechtet und ermordet wurde und deren wenige überlebenden Nachkommen nicht mehr nach Deutschland zurückkehrten.“ So erscheint es nach den Worten von Christian Porzelt wie ein kleines Wunder, dass durch den Fund auf dem Dachboden eines Basler Wohnhauses jedes Mitglied der Familie sein Gesicht zurückerhielt. Und obwohl zahlreiche Mitglieder im Nationalsozialismus ihr Leben lassen mussten. Gibt es bis heute noch Nachkommen dieser jüdischen Großfamilie. Für viele von ihnen war ihr Besuch im Jahr 2015 in Kronach der erste Kontakt zum Heimatort ihrer Vorfahren. Insgesamt 16 Personen waren damals aus der Schweiz, Israel und den USA damals zur Ausstellung in der Kronacher Synagoge gekommen.

Bei der anschließenden Aussprache zeigte sich das Auditorium in Lichtenfels sichtlich betroffen vom Schicksal der Großfamilie Bamberger. Der pädagogische Leiter des Evangelischen Bildungswerks bedankte sich auch im Namen von Stadtarchivarin Christine Wittenbauer bei Historiker Porzelt für die durch Bilddokumente veranschaulichte Familienchronik. Im Anschluss nutzen die Besucher die Gelegenheit zum Besuch der Sonderausstellung im Haus Kronacher Straße 21.

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