Grenzgänger und ihre Grenzerfahrungen

Die erste Grenze, die die Grenzgänger am 4. Oktober 2019 überschritten, war der Entschluss überhaupt bei Regen, Kälte und Dämmerung an dem Grenzgänger- Gottesdienst teilzunehmen.

Tapfer strotzten etwa 30 Grenzgänger dem nasskalten Wetter, unweit des ehemaligen DDR- Grenzverlaufs, wo die Gruppe ihre etwa drei Kilometerlange Wanderung zur Jakobskirche nach Mitwitz startete.

Veranstaltet wurde der „Grenzgänger- Gottesdienst auf dem Weg“, von der evangelischen Dekanatsjugendkammer Michelau. Den jungen Menschen, die sich für christliche Werte in unserer Gesellschaft einsetzen, ging es nicht nur um die Erinnerung an den Mauerfall, sondern um eine bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen. So gab es auf dem Weg biblische Impulse zu Grenzerfahrungen, die wir auch aus unserem eigenen Leben kennen. Zwischen den Stationen konnten sich die Grenzgänger über Grenzerfahrungen in Zwickmühlen, mit unerreichte Ziele und über erfolgreiche Grenzüberwindungen austauschen.

Der Gottesdienst endete schließlich in der evangelischen Kirche in Mitwitz, mit einigen Gedanken zum Mauerfall und den immer wieder neu entstehenden Grenzen und Mauern, nicht nur in der Welt, sondern auch in unseren Köpfen. „Ich wünsche mir da wieder etwas von der Freude von damals, als die Mauern fielen und sich fremde Menschen mit Tränen in den Augen umarmten.“, sagte Dekanatsjugendrefernt Reiner Babucke zum Abschluss.

Nach dem Gottesdienst konnten sich die Grenzgänger bei heißem Tee und Knabbereien im „Erzählcafé“ des Gemeindehauses aufwärmen. An drei kleinen Tischgruppen erzählten Zeitzeugen von Ihren Erfahrungen mit der Teilung.

Bernd Hochberger, ehemaliger Lehrer in der DDR erzählte spannend von der ständigen Überwachung auf Schritt und Tritt, bis heute kann er nur den Kopf schütteln, wenn er an diese Zeit zurückdenkt. Auch der Mitwitzer Bürgermeister Hans-Peter Laschka erinnert sich an die ersten Jahre seiner Amtszeit, obwohl er sich sicher war, dass auch er überwacht wurde, bewies er damals Mut und äußerte seine Meinung frei und offen.

Einige Erwachsene, die in der damaligen DDR geboren und aufgewachsen waren erzählten aus ihren Kindertagen und der Angst nach dem Mauerfall, dass es genauso schnell wieder rückgängig gemacht werden könnte und es sollte schließlich fast ein Jahr dauern, bis es zur Wiedervereinigung kam.

Eine in Mecklenburg geborene Teilnehmerin erinnert sich: „Unsere Eltern sind damals nach der Grenzöffnung mit uns in den Westen gefahren, wir sind einfach durch die Straßen gefahren und haben uns die Häuser und die gepflegten Gärten angesehen. Irgendwann konnte mein Vater nicht mehr weiterfahren und hielt an. Die Eindrücke mussten erst mal verarbeitet werden. Da klopfte ein Ehepaar an die Scheibe und lud uns spontan zum Kaffeetrinken ein, einfach, weil sie sich so mit uns freuten!“

Doch nicht nur die Erwachsenen wussten zu berichten, auch die Jugendlichen brachten Geschichten ihrer Eltern und Großeltern ein. 

Aus Sicht der Dekanatsjugendkammer war der Grenzgänger Abend ein voller Erfolg. 30 Jahre nach dem Mauerfall, in einer Zeit, in der kaum noch Geschichten erzählt werden, sondern die Kommunikation in Kurznachrichten stattfindet, haben sich Menschen zusammengesetzt und Geschichte lebendig werden lassen. Nicht um diese Zeit zu verherrlichen, sondern um Erfahrungen weiter zu geben und aus der Geschichte für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen.

Grenzgänger Dekanat Michelau

Text: Judith Bär

© Evangelisch-Lutherisches Dekanat Michelau 2013-2019

zum Seitenanfang