Passionsmusik in der Martin-Luther-Kirche

Leiden und Klangsinnlichkeit gehören zusammen in der Musik, insbesondere in der vorösterlichen Zeit. Mit der Passionsmusik „Membra Jesu nostri“ von Dieterich Buxtehude rücken die Qualen Jesu am Kreuz in den Mittelpunkt von Betrachtungen. In sieben Abschnitten werden dabei Füße, Knie, Hände, Seite, Brust, Herz und Gesicht allegorisch gedeutet und den Zuhörern zum Miterleiden unter dem Kreuz anschaulich vor Augen und Ohren geführt. Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Klaus Bormann hatten sich am späten Sonntagnachmittag vor dem großen Altarkreuz der Martin-Luther-Kirche Lorenz-Bach-Chor, Instrumental-Collegium Lichtenfels und die Solisten Stephanie Spörl und Andreas Thiel versammelt und gossen den Kantatenzyklus in eine nachhaltig bewegende musikalische Form.

Als Dirigent und gleichzeitig auch als Organist führte Kirchenmusikdirektor Klaus Bormann durch die Passionsmusik „Membra Jesu nostri“ in der Martin-Luther-Kirche. Im Hintergrund der Lorenz-Bach-Chor und das Instrumental-Collegium Lichtenfels Foto: Joachim Wegner
Zu Beginn des einstündigen Konzerts hatte Dekanin Stephanie Ott-Frühwald die Komposition als Werk beschrieben, die in Bildern und Kunstwerken die Qualen verdeutlicht, die Jesus auf sich nimmt, um die Menschen zu erlösen. Ihr Dank galt insbesondere der Sparkasse Coburg-Lichtenfels und dem Lichtenfelser Förderkreis Kirchenmusik für die großzügige finanzielle Unterstützung.

Dieterich Buxtehude, der Schöpfer der Passionsmusik, wurde vermutlich um 1637 in Helsingborg geboren, besuchte dort die Lateinschule und erhielt seine musikalische Ausbildung von seinem Vater, der dort seit 1642 als Organist tätig war. Im Jahr 1668 wurde er Nachfolger von Franz Tunders als Organist an der Marienkirche in Lübeck. Er führte die von seinem Schwiegervater begründeten Abendmusiken fort, die ihn als Komponisten und Orgelvirtuosen weithin bekannt machten. Berühmte Musiker wie etwa Johann Sebastian Bach oder Georg Friedrich Händel nahmen teilweise lange Reisen auf sich, um bei Buxtehude zu lernen. Sein vielfältiges kompositorisches Schaffen umfasst neben zahlreichen Orgelwerken eine große Zahl Vokalwerke sowie Instrumentalmusik für verschiedene Besetzungen.

Dieterich Buxtehudes Kantatenzyklus „Membra Jesu Nostri“ ist eines der außerordentlichsten Musikwerke des 17. Jahrhunderts. Anhand einer mittelalterlichen mystischen Textvorlage entwickelte der Lübecker Organist eine siebenteilige Passionsmeditation, die sich deutlich von der protestantischen Tradition der Betrachtung der Passion Christi abhebt. Jesu Membra Nostri ist eine Sammlung lateinischer Hymnen, die sich jeweils an ein Körperteil des am Kreuz hängenden Christus wenden, indem sie es stets mit einem Salve (gegrüßet) anreden. Ursprünglich wurden nur die fünf biblisch überlieferten Wunden angesprochen – Füße, Knie, Hände, Seite und das Antlitz – , später wurde die Sammlung um die separat entstandenen Strophen an die Brust und das Herz erweitert.

Als Solisten traten Andreas Thiel, Musiklehrer aus Kronach, und Stephanie Spörl, Dekanatskantorin in Forchheim, bei der Passionsmusik auf Foto: Joachim Wegner
Das Werk hat der Komponist seinem Freund, dem schwedischen Hofkapellmeister Gustav Düben gewidmet. Den Text seiner Passionsmusik hat Buxtehude der mittelalterlichen Passionsbetrachtung „Salve mundi, salutare“ des Zisterziensermönches Arnulf von Löwen entnommen und ergänzte ihn durch ausgewählte Stellen aus dem Alten und Neuen Testament. Die sieben mittelalterlichen Gedichte waren im 17. Jahrhundert sehr verbreitet und beliebt – bei Protestanten wie Katholiken gleichermaßen. Formal folgt Buxtehude einer gleichbleibenden, klaren Struktur: Nach einer kurzen instrumentalen Einleitung steht zu Beginn und am Ende jeder Kantate die Vertonung eines Bibelspruches. Zentrum ist jeweils eine dreiteilige Aria mit einem in den Strophen beibehaltenen Instrumentalbass, die von einem instrumentalen Rondo abgeschlossen wird. Ganz bewusst hat Buxtehude seinen Zyklus auf diese Weise kom-poniert (lat.: componere = zusammensetzen) und instrumentiert.

Als Erstaufführung brachte der Lorenz-Bach-Chor Dieterich Buxtehudes Passionsmusik „Membra Jesu nostri“ zu Gehör. Unterstützt wurden die Sängerinnen und Sänger von Instrumental-Collegium Lichtenfels Foto: Joachim Wegner
Die Erstaufführung in der Martin-Luther-Kirche überzeugte in jeder Hinsicht. Lorenz-Bach-Chor und Instrumentalkollegium mit Heinz Wilk (Violine), Alfred Förner (Violine) und Hartmut Müller (Cello) gelang die präzise Zeichnung aller Partien, Sopranistin Stephanie Spörl aus Forchheim und Bariton Andreas Thiel aus Kronach warteten mit einem unverwechselbaren Timbre auf. Das Klangbild der Darbietung wirkte rund und stimmig. Zu Gehör gebracht wurde eine mitfühlende Passionsmusik, die den Zuhörer nachdenklich macht, zugleich aber auch hoffnungsfroh stimmt und Mut verleiht. Und so konnten sich die Sängerinnen und Sänger, die seit einem Vierteljahr diesen Auftritt geprobt hatten, und ebenso die Instrumentalisten mit den Solisten über reichen Applaus freuen. Der Dank des Auditoriums galt ebenso Kirchenmusikdirektor Klaus Bormann, der nicht nur als Dirigent aktiv wurde, sondern das Werk simultan auch auf einer Truhenorgel begleitete. Welch eine passende Fügung, die das große Amen mit dem Glockenschlag der Kirchturmuhr der Martin-Luther-Kirche beendete.

Text und Bild: Joachim Wegner

© Evangelisch-Lutherisches Dekanat Michelau 2013-2019

zum Seitenanfang